Abschiednahme und Totenwache

„das Unfassbare begreifen“ – Mit unserem Motto ist tatsächlich die ganz materielle Begegnung mit dem toten Körper gemeint: das Anschauen, Anfassen, Berühren und sogar das Riechen des oder der Verstorbenen. Durch das sinnliche Wahrnehmen wird uns der oft so abstrakte Tod leichter zu verstehen, im Wortsinne begreifbar. Die Abschiednahme, also die Begegnung mit dem toten Körper, gibt dem oder der einzelnen die Gewissheit, dass es sich nicht um einen Irrtum oder eine Verwechslung handelt. Gleichzeitig kann es in Momenten von Trauer, Überwältigung und Verzweiflung hilfreich sein, dem oder der Verstorbenen etwas Gutes zu tun. Das letzte Waschen, das Anziehen der eigenen Kleider und das liebevolle Einbetten in den Sarg sind Handlungen, die die Angehörigen und Freunde mit unserer Unterstützung selbst machen können.

Ebenso ist die Totenwache eine jahrtausende alte Praktik, die uns verloren gegangen ist, und die nun wieder zurückgeholt wird. Viele Menschen haben das Bedürfnis alleine oder gemeinsam bei den geliebten Verstorbenen zu sitzen, zu schweigen, zu erzählen oder zu beten und das geteilte Leben zu erinnern.

Viele Angehörige haben Angst vor dieser Begegnung mit ihrem verstorbenem Angehörigen, sei es, weil sie sich fürchten, das Bild der toten Person jahrelang als Albdruck im Kopf zu behalten, sei es, weil sie sich vor ansteckenden Krankheiten fürchten, oder sei es, weil sie Angst haben, von ihren Gefühlen überwältigt zu werden. Aus unserer Erfahrung wissen wir, dass diese Ängste unberechtigt sind. Der Anblick von Toten hat auf Lebende in der Regel eine beruhigende Wirkung, viele Menschen schöpfen Kraft daraus und spüren, dass der oder die Tote mit ihrem Tod versöhnt ist. Das Leichengift gehört zu vorwissenschaftlichen Mythen, denn von Toten geht keine Gefahr aus, sie sind weder giftig noch gefährlich.

Auch für Kinder, für die die Wörter „tot“ und „gestorben“ noch gegenstandsloser sind als für Erwachsene, ist die Abschiednahme eine Hilfe, um die Trauer der Erwachsenen und ihre eigene Trauer besser verstehen zu lernen.